Leseproben „Dingerchen“Auf dieser Seite können Sie ein paar Bissen von unseren „Dingerchen“ probieren: Im AufzugAuszug aus der Geschichte von Ursula Posse-Kleimann Tom erwachte zu spät, wie ihm ein Blick auf den Wecker verriet. Dann war das Shampoo alle. Der Toast auch. Und für Kaffee blieb keine Zeit. Er knöpfte noch die Manschetten seines Hemds zu, als er den Lift betrat. Die silbergraue Kabine war leer. Tom drückte auf den Knopf mit dem „T“ für Tiefgarage und sah sich um. Zuerst fiel ihm auf, dass die Kritzeleien weg waren. Er fand es ein bisschen schade, denn er mochte es, die Ergüsse der Teenies zu lesen, die sie mit ihren schwarzen Permanent-Filzstiften überall hinterließen. Manche malten auch, meist sekundäre und primäre Geschlechtsorgane. Dann fiel ihm auf, dass der Aufzug ein anderes Geräusch machte. Normalerweise konnte man die Stahlträger, die Umlenkrollen, die ganze Mechanik rattern und rumpeln hören. Heute klang die Fahrt anders. Auch die Kabine bewegte sich weitaus ruhiger, fließender. Als nächstes entdeckte er, dass die Anzeige für die Stockwerke offenbar defekt war. Sie flackerte, raste, er konnte nicht sehen, ob er schon die 40. Etage hinter sich gelassen hatte, oder erst die 50. Die Luft war auch anders. Normalerweise roch der Aufzug morgens nach Deosprays, zuviel Parfüm und ungewaschenen Kindern. Es lagen häufig Krümel von hastig runtergeschlungenen Broten auf dem Boden, deren Schokocreme- oder Leberwurstaroma bei ihm für leichte Übelkeit sorgte. Heute Morgen roch es anders. Tom betastete die Aufzugwand, die offenbar bei der Renovierung eine neue Verkleidung bekommen hatte. Dafür, dass das Material wie Aluminium aussah, fühlte es sich überraschend warm an. Es gab auf Druck sogar ein bisschen nach. Plötzlich öffnete sich die Deckenklappe, ein Schwall Flüssigkeit schwappte herein, klatschte auf den Boden und bespritzte seinen Anzug. Ein Mann fiel in den Aufzug. Die Klappe schloss sich mit einem feuchten Geräusch. Der Mann, der ihm vor die Füße gefallen war, lebte nicht mehr. Seine Kleidung, vormals Sakko und Stoffhose, löste sich auf, so wie der ganze Körper. Tom spürte, wie sein Magen revoltierte. Er wich verstört an die Kabinenwand zurück, unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. [...] Schritte im HofAuszug aus dem Text von Iso Schröder Heute Morgen wurde er beerdigt. Dumpf polterte die gefrorene Erde auf den Sarg. Im Tal blinkte kalt der See. Zugeeist. Aus der einzigen offenen Stelle hatten Taucher vor zwei Tagen seinen Leichnam geborgen. Er hatte Tabletten genommen und war dann ins Wasser gegangen. An den Kirchhang geklebt, das Dorf mit bös blitzenden Scheiben und hämischen Gartenzwergen. Eine Rose warf sie in sein Grab und fühlte sich wie in einem Alptraum ohne Erwachen. ‚Wenn ich erst wieder in München bin, wird es besser‘, dachte sie und glaubte fast daran. Man glaubt so gern in solchen Zeiten. An die absurdesten Dinge, denn wie sollte in München alles gut werden? Sie liegt in der Münchner Wohnung im Schrankbett, das ihre Mutter ihr geschenkt hat. Schlaflos. Ihre Mutter mag Schrankbetten, weil man sie tagsüber hochklappt und sie dann aussehen wie ein Schrank. Caroline hat immer Angst, jemand könnte sie in die Wand klappen, während sie schläft. Manchmal legt sie sich auf die Eckbank im Esszimmer. Aber da stört sie der rustikale Blümchenbezug, den ihre Mutter genäht hat. Also kann sie genauso gut im Schrankbett schlafen. Nun liegt sie da, und plötzlich hört sie seine Schritte im Hof. In den Altmänner- stiefeln, die Mutter zum Roten Kreuz geben will. Schwere Schritte, als wollte er sie absichtlich wach halten. Dabei ist er zu Lebzeiten so rücksichtsvoll gewesen, hielt ihr nie vor, dass sie sich nicht mehr um ihn gekümmert hat. Und obwohl er jetzt in einem Grab liegt, hört sie ihn draußen hin und her gehen. Ihr ist, als würden seine Schritte von seiner Stimme begleitet. Einer Stimme wie das Rascheln von trockenem Laub. „Warum lässt du mich nicht rein?“, fragt er. „Mir ist so kalt.“ Sie reißt die Augen auf, bewegt Arme und Beine. Kein Zweifel, sie ist wach. Liegt im Schrankbett in der Münchner Wohnung und hört ihn draußen mit raschelnder Stimme sprechen. Sie widersteht dem Impuls zum Fenster zu laufen und nach ihm zu sehen. Ist plötzlich so müde, will nur noch daliegen, und selbst wenn sie jemand in die Wand klappt, ist es ihr auch egal. „Komm zu mir“, raschelt es draußen, direkt vorm Fenster. [...] SéanceAuszug aus dem Text von Susanne Posse [...] Ich kann trotzdem meine Augen nicht von dem Brett abwenden - es ist scheinbar sehr alt und wurde schon häufig benutzt. Woher - zum Donnerwetter - hat Monika, diese Langweilerin, so was Abgefahrenes wie ein antikes Séancebrett? Die Buchstaben und Zahlen sind schon ein bisschen verblasst, ebenso die beiden einzigen Wörter darauf: „Ja“ und „Nein“. Dunkelrote Schrift auf dunklem Holz - die Umrisse waren offenbar mal vergoldet. „Ist da jemand?“, fragt Monika noch einmal. Unter meinem Finger zuckt es ein bisschen. Meine Aufmerksamkeit kehrt zum umgedrehten Schnapsglas zurück, das sich jetzt in Bewegung setzt und langsam aber stetig in Richtung „Ja“ rutscht. Ich hebe eine Braue und sehe zu Diana hinüber, die jedoch nur auf das Brett glotzt. „Wer bist du?“, flüstert jetzt Tanja - seit wann hat die denn was zu sagen? Oder dürfen wir hier jetzt alle lustig durcheinander quasseln? Mann, hätte ich gerne eine Zigarette! - Das Gläschen ruckt wieder leicht, gleitet dann geschmeidig und ohne zu schwanken zu einem der Buchstaben: G. Monika und Tanja sagen beide andächtig: „G.“ Nur mit Mühe widerstehe ich der Versuchung, sie darüber aufzuklären, dass ich Augen im Kopf habe. Weiter geht's: E. Ich flüstere leise: „Ich kaufe ein R.“ Diana lacht - aber ehrlich gesagt klingt das ein bisschen hysterisch. Unbeeindruckt von meiner Respektlosigkeit fährt das Gläschen selbstbewusst aufs O, dann tatsächlich aufs R zu, um wieder zum G zurückzukehren. „Georg“, stellen Monika und Tanja fest. Ich nicke. Ich kannte mal einen echt doofen Georg - aber das ist jetzt vielleicht nicht der richtige Moment für einen Schwank aus meinem Leben. „Georg, was führt dich zu uns?“, fragt Monika. Sie ist in ihrem Element, ganz das Medium. Das Glas schiebt wieder los und bildet nach und nach einen zweiten Namen: „Torsten“. Ich stutze. Alle gucken mich an. Ich stehe sofort auf, um nach nebenan zu gehen. Mein Freund hockt vor den CDs und lamentiert gerade lautstark, dass es in dieser Wohnung keine einzige Platte mit auch nur annähernd akzeptabler Musik gäbe, als ich ihn leise bitte, mit rüberzukommen. Er runzelt die Stirn. „Was ist denn? Ich hab' doch gesagt, ich habe keinen Bock auf so was.“ „Es ist aber ...“ Fast hätte ich gesagt: Es ist aber für dich', dann fällt mir auf, dass wir hier nicht von einem Telefonanruf sprechen. Also sage ich: „Es ist aber wichtig. Nur ganz kurz, komm schon.“ Torsten trottet hinter mir her, und als wir in der Küche ankommen, nimmt er das Bild der um den Tisch sitzenden Geisterbeschwörer grinsend in sich auf. „Ob ihr sie wohl noch alle habt?“, fragt er. Ich drücke ihn auf den freien Stuhl zwischen Monika und Tanja. „Du musst dir das einfach angucken. Hier ist eben ein ... äh ... jemand aufgetaucht, der Georg heißt und uns was über einen Torsten erzählen will.“ Entgegen meinen Erwartungen fängt Torsten nicht an zu lachen, sondern hält sich an der Tischkante fest, als wäre er auf hoher See und die Wellen würden ihn jeden Moment vom Stuhl reißen. „Wer?“ „Georg. Kennst du einen?“ Er blinzelt kurz. „äh - nee. Kenn keinen Georg.“ Monika wirft ihm einen Blick zu, der zu sagen scheint: „Wem willst du was vormachen, Freundchen?“ Langsam wird mir mulmig. Ich hatte gedacht, Torsten würde ein paar zynische Bemerkungen ablassen und die ganze Geschichte würde sich dadurch in Wohlgefallen auflösen, aber stattdessen sitzt er da, als hätte er - einen Geist gesehen! Monika zeigt auf meinen Stuhl: „Setz dich wieder, wir müssen weitermachen. Georg ist noch immer da.“ Ich nehme meinen alten Platz wieder ein. Langsam lege ich den Zeigefinger zurück auf das Glas. Monika sagt: „Torsten ist jetzt hier, Georg. Willst du ihm etwas sagen?“ Das Glas fängt wieder an, sich zu bewegen. Erst ganz langsam und in kleinen Kreisen, ohne auf irgendeinen bestimmten Buchstaben zuzusteuern. Dann werden die Bewegungen schneller, die Kreise größer - es dreht sich und dreht sich und ich muss meinen Arm strecken, um den Kontakt nicht zu verlieren. Schließlich ziehe ich meinen Finger zurück, genauso wie Diana, nur Tanja und Monika haben die Finger noch auf dem Glas, das mit einem Mal vom Tisch springt und dann an der Wand zerschellt. Wir starren auf die Splitter. Niemand sagt ein Wort. Bis wir plötzlich ein ungesundes Würgen hören: Monika scheint das Spektakel doch auf den Magen geschlagen zu sein; es sieht aus, als würde sie gleich auf den Tisch brechen. Sie würgt noch ein bisschen, öffnet ihren Mund und spuckt - eine Schraube in ihre offene Hand. Faszinierend. Fünf Leute glotzen auf eine ziemlich große, schleimige und vor allem rostige Schraube. Wie hat sie es bloß fertig gebracht, die zu verschlucken?! Torsten macht ein komisches Geräusch. Als ich zu ihm hinsehe, ist er kreidebleich. Er klappt den Mund auf und zu, aber es kommt kein Ton heraus. Ich will gerade aufstehen, um zu ihm hinzugehen, als er hochspringt und aus der Küche rennt. [...] HaustiereAuszug aus dem Text von Eva Encke [...] Die Sonnentage hatten sich verabschiedet und es war stürmisch und regnerisch geworden. In den Nachrichten wurde vor Überschwemmungen und noch mehr Regen gewarnt. Und dann kam das Unwetter. Die ganze Nacht hatte es schon durchgeregnet, an der Wand im Keller sah man eine feuchte Stelle. Das Dach knarrte im Sturm und die Fensterläden klapperten. Auf der Straße flossen Sturzbäche und schwemmten Blätter, kleine Papierfetzen und anderen Abfall mit sich. In unserem Keller wurde der Boden feucht. Sybille und ich schleppten wichtige Dinge nach oben in die Wohnung und stellten Kisten auf Ziegelsteine. Es war eine unruhige Nacht. Vanessa wälzte sich im Bett herum, einmal schrie sie laut auf. Wir nahmen sie schließlich zu uns, an richtigen Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Die Feuerwehr fuhr mit Blaulicht vorbei. „Hoffentlich schwimmt unser Keller morgen nicht.“ Sybille dachte mit Schaudern an die fälligen Putzarbeiten. In der Früh gingen wir nur zögernd in den schummrigen Keller. Das Licht im Treppenhaus hatte seinen Geist aufgegeben. Es roch ätzend und übel, wie nach einer Stinkbombe. Auf der Treppe glitt Sybille plötzlich aus und rutschte die restlichen Stufen schreiend hinunter. Ich stürzte ihr nach und konnte mich noch im letzten Moment an das Geländer klammern. Die Füße glitschten über etwas Schleimiges. „Vanessa“, brüllte ich, „Vanessa, bring mir sofort die Taschenlampe aus der Diele!“ Im Lichtkegel sahen wir die Bescherung. Der Fußboden war einen halben Meter mit Wasser bedeckt, braunem, schlammigem Wasser, und an den Wänden, auf der Treppe, an den Regalen, an den Kellertüren klebten überall Schnecken, in allen Größen und Farben. Sybille hörte gar nicht mehr auf zu schreien, sie rappelte sich auf und stolperte die Treppe wieder hoch, hinein ins Badezimmer. Dort riss sie sich ihre Kleidung herunter und stürzte unter die Dusche. „Nimm die Kleider raus, schmeiß sie weg!“, kreischte sie aus der Duschkabine. Nach einer halben Stunde kam sie wieder in die Küche, fest entschlossen, nie wieder in den Keller zu gehen. Ich selbst hatte keine Lust, den starken Mann zu spielen. „Wir rufen einen Kammerjäger, und bis dahin bleibt die Tür verschlossen.“ Einzig Vanessa war fasziniert von der Aussicht, einen eigenen Zoo im Keller zu haben. Nur die Androhung strengster Strafen und die verschlosssene Tür konnten sie draußen halten. Der Kammerjäger war von unserem Hilferuf völlig überrascht. Einen solchen Notfall habe er noch nicht gehabt, aber er versprach am nächsten Tag zu kommen. Wir hatten uns gut gerüstet für den Exkursion in den Keller: Gummistiefel, alte Sachen, starke Lampe. Wir öffneten die Tür - keine Schnecken auf der Treppe zu sehen. Nur silbrige Streifen zeigten uns, dass wir uns nicht geirrt hatten. Auch an den Wänden - nichts. Das Wasser war inzwischen gesunken und hatte eine dunkle Schlammschicht hinterlassen. Wir leuchteten den Raum ab. „Da, da!“ Der Lichtschein zuckte zurück. Was war das? Ein Wesen von der Größe eines Seehund-Babys glitt langsam über die Erde, am Kopf zwei antennenartige Auswüchse. [...] Der neue MitbewohnerAuszug aus dem Text von Silvana Richter [...] Als Robin am nächsten Morgen frühstückt, setzt sich Jan-Bernd mit einer Tasse Tee dazu. Robin, in seine Zeitungslektüre vertieft, gibt sich Mühe, ihn nicht zu beachten. Aber als er sich eine Scheibe Brot aus der Packung nimmt, begegnet er Jan-Bernds Blick. Er setzt seine Lektüre fort, merkt jedoch bald, dass er nur noch mechanisch liest. Als er hochschaut, sieht er erneut Jan-Bernds Augen auf sich gerichtet. Robin fragt unwirsch: „Wieso bist du eigentlich noch hier? Musst du nicht zur Arbeit?“ „Bin krank!“ „So siehst du auch aus!“, schnauft Robin und schiebt sich einen weiteren Bissen Brot in den Mund, an dem er sich aber fast verschluckt, als ihm klar wird, dass sich Jan-Bernd nun den ganzen Tag allein in der Wohnung aufhält und ungehindert alles inspizieren kann. Er trinkt seinen Kaffee aus und geht in sein Zimmer. Suchend sieht er sich um. Schließlich nimmt er einen Karton mit alten Liebesbriefen von Anke aus dem Regal, legt sein Fotoalbum, das Sparbuch und den Hefter mit den Bankauszügen dazu. Es ist sicherer, die Sachen im Auto zu deponieren - zusammen mit Caruso, den wird er besser auch mitnehmen. An der Uni geht ihm die Situation zu Hause nicht aus dem Kopf. Er sieht im Geiste Jan-Bernd in seinem Zimmer herumschnüffeln, seine Post über dem Wasserkocher öffnen und - daran hat er bisher noch gar nicht gedacht - seine Computerdateien inspizieren. Als er am Spätnachmittag endlich die Wohnungstür aufschließt, ist Jan-Bernd gar nicht da. Bevor er Caruso in die Küche lässt, kontrolliert er Fressnapf und Fußboden. Anschließend fährt er seinen PC hoch und überprüft, welche Dokumente zuletzt geöffnet wurden. Doch ihm fällt nichts Ungewöhnliches auf. Trotzdem macht er sich sofort an die Arbeit und baut das neue Schloss in seine Zimmertür ein. Danach fühlt er sich etwas besser, obwohl er weiß, dass sein Problem damit nicht gelöst ist. Er muss Jan-Bernd loswerden. Aber wie? Ihm kommt die Idee, auch den Schließzylinder der Eingangstür auszuwechseln und Jan-Bernds Klamotten in den Hausflur zu schmeißen. Doch dann verwirft er den Gedanken aus Angst, Jan-Bernd könnte die Tür aufbrechen, ihm im Flur auflauern oder sonst was Irres tun. Er steht eine Weile unschlüssig herum. Schließlich setzt er vorsichtig einen Fuß in Jan-Bernds Zimmer. Sein Blick bleibt an einem Stück schwarzgelb gestreiftem Frotteestoff hängen, das zusammengeknuddelt auf dem Bett liegt. „Das ist doch “ Robin hastet ins Badezimmer und starrt auf die glänzende Chromstange, wo am Morgen noch sein Handtuch hing. „Das ist ja wohl das Letzte!“, schreit er und rennt aufgebracht in Jan-Bernds Zimmer zurück. Angewidert schiebt er mit dem Fuß den Schmutzwäschehaufen auseinander, der in einer Ecke liegt. Doch seine Mütze, die er seit einiger Zeit vermisst, kann er darin nicht entdecken. Dann geht er zu dem Hocker, auf dem ein Stapel Post liegt, und stöbert darin herum. Handyrechnungen, Werbung, eine Mahnung der Stadtbücherei sowie ein Schreiben der Krankenkasse. In der untersten Regalschublade entdeckt er das Messer, das Jan-Bernd nun immer zum Joggen mitnimmt, eins von denen, deren Klinge auf Knopfdruck herausschnellt. Unter dem Bett liegen eine Rolle Kreppklebeband, zusammengeknülltes Küchenpapier und mehrere Pornohefte, von denen er eins durchblättert, es aber nach ein paar Seiten zurücklegt, weil er nicht in der Stimmung dafür ist. Auf der Bettkonsole fällt ihm unter dem Radiowecker eine schwarze Kladde auf, die wie ein Tagebuch aussieht. Gerade als er seine Hand danach ausstreckt, klingelt die Türglocke. Es ist Frank, der ihm sein neues Motorrad vorführen will. Robin quetscht sich in den Beiwagen und lässt sich von seinem Freund durchs Viertel kutschieren. Anschließend bittet er Frank, ihn beim Italiener abzusetzen, wo er eine Salamipizza zum Mitnehmen ordert. Während er gelangweilt zuguckt, wie der Mann den Teig belegt, sieht er plötzlich durch die große Scheibe Anke hinter den geparkten Autos auf der anderen Straßenseite vorübergehen. Er dreht sich abrupt weg. Nein, er will nicht, dass sie ihn entdeckt, ihm mit ihren kaffeebraunen Augen den Schorf von seinem verletzten Ego reißt. Sie zu sehen tut immer noch weh. Er tauscht ein paar Floskeln mit dem Pizzabäcker aus, um sich abzulenken. Doch so leicht lässt sich Anke nicht vertreiben. Die letzten Wochen mit ihr, vergiftet mit gegenseitigen Anschuldigungen und Vorwürfen, die Nächte, in denen er vergeblich auf sie wartete, der Tag ihres Auszugs mit einer Hand voll Helfern, die er nicht kannte, die er aber genau beobachtete, um herauszufinden, wer von ihnen der Neue war Bilder, die ihn bis nach Hause verfolgen, wo er den Pizzakarton ungeöffnet auf dem Küchentisch stehen lässt und seinen Kopf mit voller Wucht gegen den Geschirrschrank schlägt, um den auflodernden Schmerz in seinem Innern zu ersticken. Ein paar Minuten bleibt er so mit der Stirn am Schrank stehen, spürt das Pochen unter der Haut und das Anschwellen der Beule. Dann fällt ihm auf, dass etwas nicht stimmt. Wo ist Caruso? [...] BordeauxrotAuszug aus dem Text von Heike Wulf Das Blut fließt langsam. Es sieht aus wie ? Ja, fast wie Rotwein. Nicht der billige, nein, der gute, teure. Irgendwie habe ich es mir anders vorgestellt. Der Schürhaken lässt sich ganz leicht herausziehen. Ich muss es noch mal machen. Das kann doch jetzt nicht alles gewesen sein? Sicherlich, der Blick meiner Nachbarin Lotte, als ich das erste Mal zuschlug, der war schon cool. Schließlich habe ich sie ja nur nach Butter gefragt. Absichtlich. Ich wollte es belanglos aussehen lassen. Sie hat zuckersüß gelächelt, mich hereingebeten, vom Wetter geredet und dann den Kühlschrank geöffnet. Als sie mir den Rücken zudrehte, habe ich den Moment genutzt, um den Schürhaken unter meinem Kittel hervorzuholen. Ungläubig ihr Blick, als sie mir die Butter reichte und dabei den Schürhaken entdeckte. Dann schlug ich zu. Habe ich sie angelächelt? Mist, ich weiß es nicht mehr. Ich wollte auf jeden Fall lächeln. Das hatte ich doch extra noch geübt. So ein „Dirty-Harry-Lächeln“, bevor er schießt. Ich habe sie auf den Kopf getroffen. Es knackt ein wenig. Vermutlich brach die Schädeldecke. Lotte kippte nach vorn und knallte auf den Boden. Jetzt liegt sie da, reglos. Kann sie nicht wenigstens ein bisschen stöhnen oder sich wehren? Egal. Ich mach jetzt meine Arbeit zu Ende. Ich werde noch ein paar Mal zuschlagen. Es soll so aussehen, als ob jemand eine wahnsinnige Wut auf Lotte gehabt hätte. Es ist noch viel zu wenig Blut hier. Sie soll bluten. Ja, genau so. Schön. Jetzt fließt es richtig. Die Farbe erinnert mich an Ketschup. An dunklen bordeauxroten Ketschup. Es läuft in die Ritzen des Laminatbodens. Oh, jetzt nur nichts falsch machen! Wie oft habe ich schon darüber geschrieben! Ich darf jetzt nicht in das Blut treten. Keine Spuren hinterlassen. [...] HOME |