geschenkte Worte

NewsletterDie Besucher unseres Tisches waren aufgefordert, uns Worte zu schenken, die wir in Shortstorys verwenden sollten. Mit Sahneteilchen wie "Kooperationsvertrag", "Zuckervanilleschleckkeks" oder "Rasselbandenjäger" stellten sie uns dabei vor echte Herausforderungen. – Hier nun die Ergebnisse. Die "geschenkten Worte", die Verwendung fanden, haben wir den Geschichten vorangestellt. (Und ja - eine fehlt noch...)

Von Rittern und Munkelolmen (Iso Schröder)

60-km-Sonntags-Tisch am 18. Juni 2010 - Affen - Alternativen - bezaubernd - Blumenliebe - Brillenschlange - Gelassenheit - Heimat-Sammler - Karmabolage - Kooperationsvertrag - Kulturhauptstadt - Mama - Munkelolm - Mut - passen - Rasselbandenjäger - Regenschirm - Ritter - Rundfunkstaatsvertrag - Sanftmut - seufzen - sollen - Sonne - Sonnentuntergang - Sprachrhythmus - Straßenmusik - Süzze - Tiere - tolle Aktion - Wald - Weihnachtsplätzchen - wohlleben

Es war, als die Ritter noch Straßenmusik machen mussten, um sich etwas hinzu zu verdienen. Die Sonne schien bezaubernd. Tiere, Ritter, Frauen und sonstige Menschen, genannt Männer, wandelten voller Gelassenheit durch den Wald. Die Tiere seufzten etwas, da sie lieber ihre Ruhe gehabt hätten. Die Menschen, vor allem die Ritter mit ihren Eisenrüstungen trampelten die Wiesen platt, so dass die Rehe nicht mehr so gut äsen konnten.
Es gab einen 60-km-Sonntags-Tisch am 18. Juni 2010, für den extra ein Rundfunkstaatsvertrag geschlossen worden war. Dann gab es noch den Kooperationsvertrag zwischen den Rasselbandenjägern und den Rittern, aber keiner wusste so genau, was der regelte. Es gab auch eine Grußbotschaft vom Schirmherrn, der allerdings leichte Probleme mit der Rechtschreibung hatte: "ich ofe halles gute und alles gesunte!"
Die Mama der Nation, Angela Merkel, musste passen, als eine Erklärung darüber von ihr von den Heimat-Sammlern verlangt wurde. Sie hatte den Mut, über Alternativen zu sprechen, aber ihr Sprachrhythmus wurde immer unsicherer, bis sie sich sogar bei dem Wort Süße versprach und statt dessen "Süzze" sagte. Ihre Blumenliebe ließ dabei sehr zu wünschen übrig. Sie spannte den Regenschirm auf, als die Blumen gegossen wurden und ließ die Brennnesseln wohlleben. Die Rosen warf sie von sich, weil sie sich an einer Dorne gestochen hatte. Einen von der Presse, der ihr fehlenden Sanftmut ob dieser tollen Aktion vorwarf, nannte sie einen Affen. Er sagte leise "Brillenschlange", obwohl Merkel gar keine Brille trug. Sie murmelte "Munkelolm" vor sich hin, was sie irgendwann mal auf einer Feier der Kulturhauptstadt gehört hatte; zwar wusste sie nicht, was das Wort bedeutete, aber es beruhigte sie.
Vor Sonnenuntergang noch begannen die Ritterfrauen mit dem Backen von Weihnachtsplätzchen, so verlangte es der Brauch, es gab vor dem Riesengemeinschaftsbackofen eine Karambolage der Backbleche, bei der Unmengen Teig zu Schaden gekommen sein sollen.
Sonst soll aber alles gut gegangen sein an diesem denkwürdigen Tag.

Nachbarn (Ursula Posse-Kleimann)

alles gute - Baumhaus - Dietrich - Fieberthermometer - Fischer - Frettchen - Freude - Frieden und Verantwortung für jeden Tag - Frühling - Fußball - Glück auf aus dem Harz - Hallo - hingerissen - Lebensfreude - malen - Mitarbeiter - Nächstenliebe - Nasenfahrrad - Papa - Sara - Schäfchen - Sekret - Simao - Singen - Sommer - Sommerregen - Sonnenschein-Kindergarten - Sorgen - Stierkämpfer - Trauer - traumhaft - Vertrauen - wertschätzen - Zweirad-Stau

Vor dem Sonnenschein-Kindergarten gab es den morgendlichen Zweirad-Stau. Mama und Papa karrten ihre Kleinen heran, die unausgeschlafen in ihren Kindersitzen hockten, die älteren von ihnen strampelten schon selbst. Der Fahrradparkplatz war rasch zugestellt. Es herrschte das übliche Getöse. Frau Dietrich stand auf dem Balkon. Sie hatte gerade ihren Frühsport hinter sich gebracht und machte nun zum Abschluss die Sonnenatmung. Der Frühling zeigte sich derzeit von seiner sanften Seite. Traudl freute sich an dem Gewusel vor dem Kindergarten. Sie hatte das Altenwohnheim vor zehn Jahren mit Bedacht gewählt, weil sie Kinder liebte, auch wenn sie nie eigene gehabt hatte. Sara winkte ihr aufgeregt zu. "Hallo, Frau Dietrich, ich seeeeh dich!"
Traudl betreute als ehrenamtliche Lesepatin den "Sonnenschein" und Sara mit der roten Brille, die wie ein kleines Nasenfahrrad aussah, gehörte zu ihren treuesten Zuhörerinnen.
"Hallo, junge Dame!" rief Traudl zurück.
Wie üblich hatte Sara ihren Schützling Simao im Schlepptau. Ob der kleine dicke Junge wirklich so hieß, wusste Traudl nicht. Er trug ständig ein Fußballtrikot der portugiesischen Nationalmannschaft, auf dessen Rücken der Name seines Lieblingsspielers prangte. Beide Kinder besuchten die "Schäfchen"-Gruppe und kamen nach den Sommerferien in die Schule. Simao sprach nicht, und wenn, dann nur mit Sara. Wollte er etwas mitteilen, flüsterte er ihr ins Ohr und Sara richtete seine Botschaft aus. Nebenan auf der anderen Hälfte des Balkons regte sich etwas. Traudl lugte durch den hölzernen Sichtschutz. Herr Fischer saß in seinem Lehnstuhl, unrasiert, im blaugrau gestreiften Bademantel und rauchte eine Zigarette. Traudl war einen Moment versucht, ihn anzusprechen, ließ es aber und ging in ihre Wohnung zurück.
Sie mochte die beiden Räume, die sie mit 75 Jahren freiwillig bezogen hatte, als sie die Einsamkeit ihrer Mietwohnung am Stadtrand nicht mehr aushielt. Auch schaffte sie die Treppen in die dritte Etage immer schlechter. Nun bewohnte sie 50 Quadratmeter im ersten Stock von Haus "Lebensfreude". Breite Türen, ebenerdige Dusche, eine eigene kleine Küche und der geräumige Balkon machten es Traudl leicht, sich umzugewöhnen. Wenn sie wollte, konnte sie die vielfältigen Angebote des Hauses nutzen. Sie war dazu übergegangen, nach und nach alle Mahlzeiten im Restaurant einzunehmen. Es schmeckte einfach besser in Gesellschaft. Auch gefiel ihr das Aktivitätenprogramm. Da sie viele Jahre als Schneidermeisterin gearbeitet hatte, betreute sie selbst eine Handarbeitsgruppe.
Nachdenklich stand Traudl unter der Dusche und ließ abwechselnd warmes und kaltes Wasser über ihren Körper brausen. Sie schäumte ihre kurzen Haare ein und fragte sich, warum es ihr so schwer fiel, ihren Nachbarn anzusprechen. Vor anderthalb Jahren war das Ehepaar Fischer eingezogen, liebenswürdige Menschen. Ihre Drogerie wurde von einem Nachfolger weiter geführt, sie hatten ihr Auskommen und beide waren unternehmungslustig. Traudl hatte sich schnell mit Helga Fischer angefreundet. Sie fuhren gemeinsam in die Stadt zum Einkaufen und gingen beide zum Singen in die Gruppe von Frau Tönnies. Rudi Fischer zog regelmäßig mit der Spiegelreflexkamera los, um seinem Hobby zu frönen. Er hatte viel Freude daran, Menschen zu fotografieren. Sein Lieblingsbild, einen Stierkämpfer, nass von einem plötzlichen Sommerregen, hatte seine Frau für ihn sogar auf Leinwand malen lassen. Vor zehn Wochen war Helga morgens nicht mehr aufgewacht. Traudl schüttelte sich, so bewegte sie die Erinnerung an Rudis fassungsloses Gesicht. Seine Helga war einfach gegangen, ohne Vorwarnung. Die Beerdigung hatte er noch überstanden, dann zog er sich in die Wohnung zurück und ließ niemanden mehr herein, nicht einmal den Boten vom Supermarkt, der hin und wieder einen Karton mit Lebensmitteln brachte.
Traudl wickelte sich in ihr Duschhandtuch und ging zurück ins Zimmer. Gestern hatte sie der Geschäftsführer von "Haus Lebensfreude" im Foyer des Hauses angesprochen. Herr Göbelin hatte was von einem Frettchen. Er war klein, dünn und irgendwie heimlich. Er hatte die Unart, plötzlich aufzutauchen und sein schmales Lächeln zu lächeln, das vor allem kleine, aber nadelspitze Zähne zeigte.
"Liebe Frau Dietrich", hatte er gesagt und Traudl verwünschte sich, dass sie ihn nicht hatte kommen hören.
"Ja, Herr Göbelin?"
"Ich würde gern mit Ihnen reden, über Ihren Nachbarn, Herrn Fischer."
Die beiden nahmen in der Sitzecke Platz, hinter einem üppigen Ficus. Traudl war auf der Hut. Sie mochte den wieseligen Mann nicht.
"Liebe Frau Dietrich, Sie wissen, dass wir Ihre Meinung wertschätzen."
Traudl machte ein abweisendes Gesicht. Wenn schon jemand von sich im Plural sprach...! "Vielleicht können Sie uns sagen, wie es um Herrn Fischer bestellt ist, jetzt, nach dem plötzlichen Heimgang seiner lieben Frau."
"Warum fragen Sie ihn nicht selbst?" Traudl saß kerzengerade im Sessel.
"Ja, wissen Sie", der Geschäftsführer beugte sich vertraulich vor, "er lässt niemanden herein und wir machen uns Sorgen, ob er in der Lage ist, weiterhin allein zu wohnen."
Bei Traudl schrillten die Alarmglocken. Sie war zwar alt, aber nicht naiv. Aus reiner Nächstenliebe fragte er bestimmt nicht.
Für "Haus Lebensfreude" wurde Rudi Fischer erst richtig lukrativ, wenn er in die Pflegeabteilung überwechseln musste. Nicht nur, dass dann sein monatlich zu entrichtender Obolus deutlich höher lag, auch die Seniorenwohnung der Fischers konnte zu wahrscheinlich ertragreicheren Konditionen weiter vermietet werden. Das Wohnheim hatte eine lange Warteliste. Sie mochte sich nicht vorstellen, was ein erzwungener Umzug für Rudi in seiner Trauer bedeuten mochte. Mehr als einmal hatte sie miterlebt, dass der Wechsel in die Pflegestation einem Mitbewohner den Rest gegeben hatte.
Herr Göbelin lächelte so, dass es sie fröstelte. Ein dünner Spuckefaden sickerte wie Sekret aus seinem Mundwinkel.
"Liebe Frau Dietrich, eines Tages werden Sie doch selbst überlegen, ob Sie Gast in unserer Betreuung werden möchten."
Das klang nicht wie eine beruhigende Option, sondern wie eine Drohung.
"Gut", Traudl stand auf und strich ihren Rock glatt. "Ich werde sehen, was ich tun kann. Guten Tag, Herr Göbelin." Sie hielt sich besonders gerade, als sie am Aufzug vorbei zur Treppe ging.

In der Nacht hatte sie unruhig geträumt und auch eine Weile wach gelegen. Gelegenheit, sich eine Unterhaltung mit Rudi Fischer auszumalen. Auch beim Frühstück im Speiseraum grübelte sie weiter. Ihre Tischgenossin versuchte vergeblich, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Traudl vergaß sogar beinahe, dass Vorlesestunde im Kindergarten war.
Die Kinder warteten schon, als sie mit etwas Verspätung eintraf. Sie gab sich zwar Mühe, aber Sara entging nicht, dass ihre große Freundin nicht richtig bei der Sache war. "Du, Frau Dietrich?" Nichts. Traudl schaute nicht einmal auf. Simao flüsterte Sara etwas ins Ohr. "Meinst du wirklich?", Sara runzelte besorgt die Stirn, baute sich vor Traudl auf und legte die Hände über den Text, den diese gerade vorlas.
"Du, Frau Dietrich, du guckst mich gar nicht an. Bist du krank? Soll ich dir ein Fieberthermometer holen?"
"Wie?", Traudl sah sie verwirrt an.
"Hast du Fieber, Sara?"
Die schüttelte ernst den Kopf. "Frau Dietrich, du bist ganz komisch heute. Der Simao, der sagt nix, der ist aber da. Und du, du sagst was, aber irgendwie bist du nicht da."
Jetzt erst merkte Traudl, dass einige Kinder längst die Runde verlassen hatten, entweder, um wieder ins Baumhaus im Garten zu klettern oder auf dem Autoteppich hingerissen mit Lastern oder Rennwagen zu spielen. Sie klopfte mit der flachen Hand auf das Polster neben sich. Sara und Simao hockten sich hin.
"Ich möchte euch gern etwas fragen", begann sie vorsichtig.
Die beiden Kinder sahen sie neugierig an, denn Erwachsene baten Kinder höchst selten um Rat.
"Ich habe einen Freund, der nicht reden mag", sagte Traudl.
Sara deutete auf ihren Freund. "So wie der Simao?"
"Ja, so ähnlich. Mein Freund ist sehr traurig, weil er allein leben muss und spricht nicht mehr."
Im runden Gesicht von Simao passierte auf einmal etwas. Es rötete sich und er schlug die Augen nieder. Hübsche goldbraune Augen.
Sara legte ihm den Arm um die Schultern. Traudl wurde der Hals eng, als sie sah, wie groß das Vertrauen zwischen den beiden ungleichen Kindern war.
"Wie hast du es geschafft, dass Simao mit dir spricht, Sara?"
Das Mädchen zuckte ratlos die Schultern. "Weiß nicht."
Traudl seufzte enttäuscht. Da hob Simao den Kopf, sah sie an und flüsterte Sara schnell etwas ins Ohr.
"Simao sagt, er spricht mit mir, weil ich immer da bin. Ich bin da und geh nicht weg."

Traudl stand vor der Informationstafel in der Eingangshalle. Ein Mitarbeiter von "Haus Lebensfreude" hatte einen Postkartengruß geschickt und wünschte "alles gute" aus Neuharlingersiel. In Traudls Kopf schwirrten die Gedanken so heftig, dass sie zwar las, dass dort auf einem Plakat "Frieden und Verantwortung für jeden Tag" gefordert wurde, aber nicht registrierte, wer das eigentlich wollte. Sie ging langsam die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf und fand erst Ruhe, als sie sich auf ihren Balkon setzte. Von nebenan zog Zigarettenqualm herüber. Rudi Fischer saß auch draußen. Traudl betrachtete nachdenklich die hölzerne Trennwand. Eigentlich eine einfach Konstruktion. Keine Schrauben. Die einzelnen Elemente waren in einen Rahmen gesteckt... Als Rudi nach einiger Zeit hinein ging und die Balkontür schloss, wusste sie mit traumhafter Sicherheit, was zu tun war.
Eine Viertelstunde später saß sie auf seinem zweiten Balkonstuhl.
Im seinem Aschenbecher, einem Souvenir, auf dessen Rand "Glück auf aus dem Harz" stand, war noch etwas Platz.
Er würde herauskommen.
Sie war da.

Die Wortbuche (Silvana Richter)

Anstand - Bagger - Bäume - Baustelle - Begeisterung - Cerusel - Dieb - Galub' daran - Geschichten und Gedichte - Glücksgefühl - Hasenstall - heimsaatschermunzeln - Hollo - Hundekörbchen - Koalition - Liebe - mein Sonnenschein - musizieren - Nebel - Pfefferminztee - Platanen - Plattfuß - Schlendrian - Schule - Sonnenblumenkern - Stau - Stauerlebnisse - Tatendrang - überschäumend - Ursprungsdynamik - Wiener Blut - Wumbel - Zusammenspiel

Wumbel packte das Ding ganz vorsichtig mit den Zähnen. Es war kleiner als ein Sonnenblumenkern und roch nach Hasenstall, was nicht weiter verwunderlich war. Seit zehn Minuten steckte er bis zum Bauchnabel in dem Drahtkäfig - mehr passte von ihm nicht hinein - und schob die Strohhalme auseinander. Aber die Suche hatte sich gelohnt, und das Glücksgefühl ließ ihn vergessen, dass in dem kleinen Schlafhäuschen aus Platanen-Holz ein Nager saß, dessen Begeisterung über den ungebetenen Eindringling nicht gerade überschäumend war. Das langohrige Tier hatte sogar mit der Pfote nach ihm geschlagen, als Wumbel versuchte, seine Schnauze durch das Türloch zu drücken. Dabei tat er hier nur seine Pflicht, da hätte man wohl erwarten können, mit etwas mehr Anstand behandelt zu werden. Wumbel warf dem Hasen deshalb bloß einen vorwurfsvollen Blick zu, während er im Rückwärtsgang aus dem Stall robbte.
Voller Tatendrang war er am Morgen aus seinem Hundekörbchen gesprungen, sobald er den Wecker im Schlafzimmer hörte. Er flitzte in den Flur, zerrte die Leine von der Garderobe und schleppte sie in die Küche, wo Libie gerade das Wasser für ihren Pfefferminztee aufsetzte.
Normalerweise ließ sie alles stehen und liegen, wenn er ihr die Leine auf die Füße warf und rief aufgeregt: "Ist es wieder soweit, mein Sonnenschein? " Doch heute schaute sie ihn nur übellaunig an, wies auf das Fenster, wo der Nebel wie eine weiße Wand die Sicht verstellte. Dass dort am Ende des Gartens der Backsteinbau einer Schule aufragte, konnte man lediglich erahnen, da das Fenster offen stand und man die Kinder beim musizieren hörte.
"Du weißt, was es heißt, bei diesem Wetter mit dem Auto zu fahren ", sagte sie. "Stau! Vier Buchstaben, denen ich keine Träne nachweinen würde, wenn sie sich in Luft auflösten. Stauerlebnisse jeder Couleur wären damit passee. Also, bist du dir sicher, dass deine seismografischen Nerven das Ganze nicht bloß mit einem Erdbeben in China verwechseln? "

Was für eine Frage! Schon in der Nacht hatte er gespürt, dass der kommende Tag ein "Cerusel-Tag " würde. Das Vibrieren hatte kurz vor Sonnenaufgang eingesetzt und war nur von Wiener-Blut-Hunden zu spüren. Davon gab es auf der ganzen Welt nur noch einen. Seine Mutter lebte zwar noch, aber sie war so alt, dass das Zusammenspiel ihrer A40-Nerven nicht mehr richtig funktionierte. Und sein Vater war kurz nach seiner Geburt verschwunden - es hieß, ein Dieb habe einen Köder mit einer Schraubkappe voll "Glaub´daran " präpariert, um ihn mit Geschichten und Gedichten über das freie Vagabundenleben aus dem Garten zu locken. Seine Halbgeschwister, die aus späteren Verbindungen seiner Mutter mit ausgesuchten Rüden stammten, fanden zwar alles Mögliche, angefangen von verwesten Leichen bis hin zu illegalen Drogen, aber eben keine Cerusel Wörter, die aus unerklärlichen Gründen aus dem Wortschatz der Menschen verschwunden waren. Seine Mutter hatte ihr erstes Cerusel auf einer Baustelle entdeckt, in einem zwei Meter tiefen Erdloch, das ein Bagger neben einem Kloster gegraben hatte. Es klebte an der herausgerissenen Wurzel einer der Bäume, die den Klosterfriedhof beschatteten.
Die Schaufel des Baggers hatte allerdings nicht nur die Wurzeln beschädigt, sondern auch das Wort. Wissenschaftler versuchten, es wieder zusammenzufügen, doch entweder fehlten ein oder mehrere Buchstaben oder es war vor so langer Zeit verschwunden, dass niemand mehr sich bei seinem Klang an seine Bedeutung erinnerte. Aber von da ab nannte man alle wiedergefundenen Wörter "Cerusel ".
Sein Vater war, was das Wortfinden betraf, ebenfalls sehr erfolgreich gewesen. Möglicherweise lag es daran, dass er und Wumbels Mutter die gleichen Großeltern hatten. Ohne ihn müssten die Menschen weiterhin ohne "Schlendrian ", "Plattfuß " oder "Ursprungsdynamik " leben.
Wumbel hatte anscheinend als einziger die Fähigkeit seiner Eltern geerbt. Sein erstes Cerusel - "Koalition " - hatte ihm eine extra Portion Lachs eingebracht, sein Lieblingsfutter. Mit besonderem Stolz dachte er allerdings an "heimsaatschermunzeln " - ein ebenso rätselhaftes Wort wie Cerusel, weshalb Wissenschaftler nun von einem "Heimsaatschermunzel-Gen " sprachen, das sie bei reinrassigen Wiener-Blut-Hunden vermuteten, aber noch nicht nachweisen konnten.

Über Wumbels Kopf, weit über den Wolken strickte Hollo wie verrückt einen neuen Ast nach dem anderen, aber die Lieferungen kamen in immer kürzeren Zeitabständen. Wütend schmiss er das Strickzeug hin, als ihm erneut ein Wort auf die Füße fiel. "Simsen "... mein Gott, dieser ganze technische Schnickschnack hing ihm zum Hals raus. Wo sollte er das bloß alles unterbringen? Die Äste hingen jetzt schon bis weit in die Wolken und waren unter dem ganzen Wortballast kaum noch auszumachen. Er rieb sich den schmerzenden Zeh, humpelte zum Stamm der gewaltigen Wortbuche und griff - nach einem kurzen Blick über die Schulter - nach einem Zweig, an dem ein besonders schweres Wort hing. Hier mal ein paar Buchstaben, dort mal ein verblasster Ausdruck... das reichte einfach nicht mehr aus. Jetzt musste Tabula rasa gemacht werden. Er pflückte das Wort wie einen reifen Granatapfel vom Zweig und betrachtete zufrieden die entstandene Lücke. SMS, Handy, Internet, Bluetooth....der ganze Quatsch passte jetzt locker an diese Stelle. Während er zu seinem Stricknadeln zurückhinkte, schnippte er das abgepflückte Wort in die nächste Wolke, wo es mit einem Regentropfen zusammen zur Erde fiel - genau auf einen Strohhalm in einem Hasenstall.

Wumbel spuckte das Ding vorsichtig in Liberias ausgestreckte Hand.
Die betrachtete es eingehend von allen Seiten und hielt plötzlich die Luft an. "Menschenskind, Wumbel... ", stieß sie hervor und kramte hektisch nach ihrem Taschenmikroskop, "wenn es das ist was es scheint, dann... " Wieder hielt sie die Luft an und brachte ihr Auge dicht über das winzige Cerusel. "Tatsächlich! " Sie ließ das Cerusel in ein Reagenzglas gleiten, bückte sich dann zu Wumbel hinunter und drückte ihm einen schmatzigen Kuss auf die Nase.
"Liebe... du hast die Liebe wiedergefunden! Wumbel, was wäre die Welt ohne dich.... "

Die Pilgerreise (Eva Encke)

Allee - Augenschmaus - Begegnungen - best - bester Stimmung - Blume - bunt - Doppelkopf - Events - Fahrradverleih - frankophil - Friedlichkeit - Geschwindigkeitsbeschränkung - Hose - Känguru - Käsefüße - Lachen - Laufen - Ministerpräsidentinnenwetter - Mitmachfeier - Musik - Radwanderung - Schalom - Schicksal - Seestern - Supergenialer - Torrevieja - Türschlösser - Wasserskischaulaufen - Wein - Zahnbürsten - Zuckervanilleschleckkeks - Zufriedenheit

"Kommen wir auch durch Torrevieja? Ich habe gehört, dass es eine zauberhafte Stadt sein soll." Welch eine dümmliche Frage, genauso wie diese Frau, die sie gestellt hatte. Ich schnaufte vor mich hin. Es war schon ein bunt gemischtes Völkchen, das sich hier auf der Pilgerreise nach Santiago de Compostela befand. Nichts von Friedlichkeit und Zufriedenheit. Die Gemüter rieben sich hier genauso aneinander wie im Alltag. Das Laufen war eigentlich sehr angenehm, besonders bei dem Ministerpräsidentinnenwetter, das wir hatten. Eine recht einfallslose Bezeichnung für ein Wetter, besonders, wo die Ministerpräsidentin erst noch beweisen musste, dass sie ihrem Land auch Sonnenschein brachte.
Die Begegnungen auf dieser Wanderschaft waren vielfältig: Da war der Wanderbursche mit dem teuren Gepäck, das Känguru auf dem Rucksack, da war der eher frankophil anmutende dunkelhaarige junge Mann, der sich seine eignen Musik mitgebracht hatte und hingebungsvoll seinen Ohrstöpseln lauschte, da war die Doppelkopfrunde, die jetzt einmal etwas anders erleben wollte und die auf Events wie Wasserskischaulaufen hoffte. Da war einer, der "Schalom" grüßte und man fragte sich, was er sich wohl von dieser Wallfahrt versprach.
"Der is och nich onders als wir. Ne? Du best och uff der Suche, so wie olle." Der Sachse fand gar nichts dabei, auch Andersgläubige auf der dieser Reise zu sich selbst zu sehen.
Manche wollten die Strecke lieber abkürzen und eine Radwanderung daraus machen. Leider waren die meisten Wege mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf Schritttempo versehen und Fahrradverleih gab es auch kaum einen.
In den Herbergen ging es eher locker zu; die Türschlösser fehlten oder funktionierten nicht, die Zahnbürsten mussten in einer Gemeinschaftsdusche ausgepackt werden, die staubige Hose wurde ausgeschüttelt, damit sie am nächsten Tag wieder ihren Dienst tat, die Käsefüße wurden unter Kaltwasser gehalten, damit sie ihren Duft verloren und nicht den Bettnachbarn störten. Bei Essen und Wein und bester Stimmung war selbst gemachte Musik, Lachen und ein reiches Sprachengewirr zu hören.
"Diese Muschel ist ja ein merkwürdiges Zeichen für die Pilgertour", meinte eine süße Achtzehnjährige, ein Augenschmaus für alle Mitpilger.
"Du hättest wohl lieber einen Seestern, weil der so süß aussieht und nicht an Benzin erinnert", rief ihr einer zu. Sie zog eine Schnute: "Ne, du Supergenialer, wie kommst du denn darauf, eine Blume, ja eine Blume wäre sehr schön, eine die aufgeht und sich der Sonne zuwendet, eine Sonnenblume, fände ich viel schöner." Und damit zog sie einen Zuckervanilleschleckkeks aus der Tasche und fing an zu schlecken. Der Gescholtenen legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie. "Weißt du, es ist eine uralte Tradition und die Muschel war schon lange vor Shell da. Du wirst sehen, wenn wir dann die Allee zu der Kirche in Santiago die Compostela hinaufgehen und du die große, ehrwürdige und erhabene Kirche siehst, dann kommt dir dein Schicksal klein vor im Vergleich zu der Unvergänglichkeit der Gemäuer. Und dann gehen wir alle zusammen zu einer Mitmachfeier mit Gottesdienst und Abendmahl und jeder besinnt sich auf den wahren Zweck dieser Reise."
Still nickten die, die ihn gehört hatten.

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